YOUNGSTAR 2009

YoungStar Fest 2009, 6.-20. Juni auf Kampnagellogo youngstar 150x150

Ein Festival von
Jugendlichen
für Jugendliche

 

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Vom 6. bis zum 20. Juni war das Kampnagel-Gelände fest in der Hand von über 500 Hamburger Kindern und Jugendlichen – in 6 Eigenproduktionen, 5 Gastspielen (darunter einer Deutschland-Premiere und einer Europa-Premiere), einem Workshop, einem Mini-Band-Festival und einem Symposium und dem Hamburger Schultheaterfestival theater macht schule präsentierte sich die erste Ausgabe des YoungStar Festes als neue internationale Plattform für künstlerische Projekte mit Kindern und Jugendlichen.

Ziel war es mit diesem Festival der Künste von Jugendlichen für Jugendliche ein bisher einzigartiges Konzept umzusetzen: Internationale, professionelle KünstlerInnen der verschiedenen Sparten Theater, Tanz, Performance, Bildender Kunst und Musik haben mit Hamburger Schülerinnen und Schülern Produktionen erarbeitet, die während der zwei Festivalwochen auf Kampnagel gezeigt wurden. So gab es vor dem Festival eine intensive Probenzeit, in der die Jugendlichen sich zum Teil jeden Tag zu umfangreichen Proben trafen. Kunstwerk war es besonders wichtig, mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen zu arbeiten, die mit ihrer künstlerischen Handschrift überzeugen und die in ihrem persönlichen Werdegang die Herausforderung neuer Arbeitsformen suchen. So wurde das YoungStar Fest nicht nur für alle beteiligten Schülerinnen und Schülern, sondern auch für die KünstlerInnen, die z.T. noch nie mit Jugendlichen zusammen gearbeitet hatten zu einem Experiment, einem Wagnis und einer neuartigen Erfahrung.

Und die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: Die Jugendlichen fanden die unter-schiedlichsten Ausdrucksformen und lernten, dass Theater nicht immer bedeutet klassische Dramen auf der Bühne zu sehen. So wurde das YoungStar Fest zu einem großen Erfolg sowohl für die jugendlichen TeilnehmerInnen als auch für die jungen und erwachsenen ZuschauerInnen. Das Festival traf bei den Besuchern und der Presse auf positive Resonanz. So schrieb die Taz: „Und doch kann Schülertheater mehr sein als Theater von Schülern für Schüler, wie sich zurzeit auf Kampnagel in Hamburg erfahren lässt. Was auch daran liegt, dass beim YoungStar Festival professionelle Kulturarbeiter am Werk sind.“. Insgesamt erreichte das Festival 12 000 ZuschauerInnen innerhalb von zwei Wochen.

 

Ein Blick in die Eigenproduktionen

Parade der Unsichtbaren

Andrey Bartenev/Sasha Frolova, Russland

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In spektakulären Kostümen stolzierten 15 Schülerinnen und Schüler der Hamburger Haupt- und Realschulen zur Eröffnung des YoungStar Festivals über das Kampnagel Gelände. In Zusammenarbeit mit dem russischen Ausnahme-Künstler Andrey Bartnev und der russischen Pop-Sängerin Sasha Frolova haben die Jugendlichen in drei Wochen Kostüme, Musik und Showelemente der Parade entworfen.

Die Parade bahnte sich ihren Weg über das Kampnagelgelände, machte es sich zu Eigen, eroberte und hinterließ Spuren. Das Gelände wurde durch- wandert und durchzogen von der magischen, bizarren und lauten Präsenz des Umzuges, die an verschiedenen Stationen stoppte, um kurze Traumbildszenen aufzuführen und sich dann wieder auf seinen Weg zu machen. Die SchülerInnen, als kreative Partner, setzten eigene Impulse und gestalteten das gesamte Projekt von der Idee über die Herstellung bis hin zur Inszenierung mit.

 

Young Writers: Ich schreib mich selbst

Feridun Zaimoglu/Günter Senkel, Hamburg

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Ein hellauf begeistertes Publikum ließen die 13 Schülerinnen und Schüler zurück, als sie am 12.06.2009 nach der Premiere von „Young Writers: Ich schreib mich selbst“ die Bühne verließen. Das hatten die Jugendlichen der Gesamtschule Kirchdorf/Willhelms- burg sich nach einer langen und intensiven 6-monatigen Schreib- und Probenarbeit, redlich verdient. Gemeinsam mit Feridun Zaimoglu und seinem Co-Autor Günter Senkel, sowie mit dem Regisseur Julius Jensen hatten die Jugendlichen ihr eigenes Szenario geschrieben. Die Stücke entstanden dort, wo die Wirklichkeit der Jugendlichen beginnt. Ihre Themen waren die Themen des Abends, ihre Worte die Dialoge, der dramatische Text wurde zu ihrem Sprachrohr.

Die Vorstellung ihr eigenes Werk, ihre eigenen Worte, Texte und Themen einem größeren Publikum auf einer international renommierten Bühne wie Kampnagel präsentieren zu können, spornte die Jugendlichen zusätzlich an und gab ihnen den Mut und die Kraft ihre Ideen umzusetzen und zu zeigen, was sie im Inneren bewegte. Fatma sagte hierzu: „Der ausschlaggebende Punkt für das Projekt ist, dass wir am Ende etwas haben, worauf wir besonders stolz sein können. Schließlich werden wir auf einer Bühne vor vielen bekannten und nicht bekannten Zuschauern stehen und unsere Stücke spielen. Allein der Gedanke daran ist ein schönes Gefühl.“

Der respektvolle Umgang miteinander während der Schreib- und Probenarbeit erweckte in den Jugendlichen das Gefühl diesem ‘großen Künstler’ und ‘bekannten Autor’ auf Augenhöhe begegnen zu können. So meint Said: „Ein berühmter Künstler kann mich anders motivieren als ein Lehrer, Lehrer haben keine künstlerische Ausbildung. Wir werden ermutigt und bestärkt, dass wir etwas können! Im professionellen Theater aufzuführen ist ein großer Kick – nicht immer nur die Aula!“

 

Die Insel

Jacques Palminger&The Kings of Dubrock, Hamburg

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Mit „Die Insel“ hatten Hamburger Jugendliche unterschiedlichen Alters die Möglichkeit gemeinsam mit dem berühmten Künstlertrio „Jacques Palminger&The Kings of Dub Rock“ ein außergewöhnliches Musik- und Theaterprojekt zu realisieren. Das Gründungsmitglied der Geheimloge Studio Braun Jacques Palminger, der geniale Beat-Schmied Victor Marek und die Sängerin und Choreografin Rica Blunck fuhren mit den Schülerinnen und Schülern auf eine als Forschungsreise geplante Klassenfahrt, die in einer Katastrophe endete, als das Boot in Seenot gerät und sinkt. Die SchülerInnen und ihre beiden Lehrer (Jacques Palminger und Rica Blunck) können sich mit Mühe und Not auf eine unbewohnte Insel retten. Alleine mit den Schülern ohne irgendwelche Zeichen anderen menschlichen Lebens, werden sich die beiden Lehrer plötzlich ihrer Autonomie bewusst und beginnen diese zu ihren eigenen Zwecken auszunutzen. Schnell bildet sich eine Parallelwelt mit eigenen Regeln und Ritualen. Die Jugendlichen, gefügig gemacht durch hierarchische Systeme, entwerfen eine bizarre Realität, der sie bald selber nicht mehr entfliehen können. Die Stimmung schwankt zwischen Verzweiflung, Lethargie und immer wieder auf-flammender Hoffnung. Scheinbar alltägliche Handlungen werden zu Massenphänomenen und in Liedern, Geräuschen und Rhythmen ritualisiert. Victor Marek hinter seinem Mischpult, der immer neue Beats produziert und die Geräusche, Worte und Gesänge der Jugendlichen live aufnimmt und in den Melodien wiederverarbeitet, geht dabei vollkommen in seiner Arbeit auf und wird so zu einem absoluten Highlight der Show. Seine Musik visualisiert den Takt den die Jugendlichen vorgeben und gibt dem Stück seine faszinierende Struktur, die so hierarchische Systeme, Demütigungen des Alltags und die Machtgelüste sogenannter Autorhitäspersonen entlarvt. Mit einem ge-hörigen Maß an Selbstironie, eingängigen Songs und einem, eigens für sie entworfen und gebauten eindrucks-vollen Bühnenbild war der Abend nicht nur für Jacques Palminger Fans ein grandioses Erlebnis. Als die Jugendlichen schließlich doch von einem vorbeifahrenden Schiff gerettet wurden, konnte sich keiner der ZuschauerInnen so richtig freuen, da es schließlich das Ende des Stückes bedeutete. So ließen es sich die Jugendlichen nicht nehmen, ihre persönliche Hitsingle als Zugabe zu präsentieren und wer danach immer noch nicht genug bekam, konnte sich alle Songs des Stückes noch einmal auf einem Konzert im berühmt berüchtigten Hamburger Golden Pudel Club anhören.

 

660@k6 – Ein Stück HipHop

Samir Akika, Frankreich/Algerien

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Ausgangspunkt von “660@k6 – Ein Stück HipHop“ stellte die Alltags-realität der an dem Projekt beteiligten Jugendlichen dar: “Ich habe den Jugendlichen Fragen gestellt”, betont der 41-jährige Tänzer Samir Akika, “Wovor hast du Angst? Worauf bist du stolz?” Die Altersspanne der Teil-nehmerinnen und Teilnehmer des Projekts lag zwischen 11 und 23 und auch die individuellen Erfahrungen und Lebensrealitäten der Jugendlichen variierten zum Teil stark. Allen gemeinsam war jedoch die Liebe zur Musik, zum HipHop und zum Tanz. Angeregt durch neue Ideen und angespornt durch die Möglichkeit ihre Kultur, ihr Lebensgefühl und ihren ‘Style’ auf einer großen Bühne wie der des Kampnagel-Theaters, vor mehreren hundert Zuschauern präsentieren zu können, entwickelte sich eine kraftvolle und vielseitige 2 stündige Performance. Es wurde nicht nur getanzt, sondern die Jugendlichen erzählten auch von ihren Träumen, Wünschen und Ängsten oder berichteten von den Fehltritten, die sie sich schon geleistet haben.

Samir Akika, der selbst als Jugendlicher mit StreetArt und HipHop aufwuchs und erst spät unter Pina Bausch zum zeitgenössischen Tanz fand, war für die Jugendlichen Lehrer und Mitstreiter zugleich: “Es ist toll, das wir als unprofessionelle Tänzer von Samir Akika als professionelle Tänzer gesehen und eingesetzt werden.” betont AJ, Teilnehmer des Projekts.

Es geht um ihre Gegenwart und ihre Zukunft sagt Ema: “Es ist absolut unser Stück, es geht um unsere Geschichten, Situationen die wir erlebt haben.”

 

Politics&Colours

Showcase Beat Le Mot, Hamburg

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In diesem 2tägigen Workshop erarbeiteten 15 Jugendliche eines Gymnasiums gemeinsam mit dem Hamburger Performance-Kollktiv „Showcase Beat Le Mot“ eine bunte, laute und aussagekräftige Projekt- präsentation zu dem Thema Politik und Farben. Sie formulierten in einem unterhaltsamen Rahmen ihre eigene politische Überzeugung auf kreative Weise.

Die Jugendlichen flößten den Farben politische Bedeutung ein: „Der Leitfaden war Politik und Farben zu verbinden. Auch nicht etwas, was man nun tagtäglich macht. Überraschenderweise fielen einem dann aber tausend Sachen ein, sobald ein kleines Hintergrundwissen vorhanden war und ich werde, wenn ich Wahlplakate sehe, immer daran denken müssen“.

Die anschließende praktische, an der Aktionskunst angelehnte, Arbeit eröffnete den Schülerinnen und Schülern weitere Erfahrungsmöglichkeiten. In lebendigen Szenen zelebrierten sie Fahnen schwingend das aufkommende Gemeinschaftsgefühl.

So gerne ich mich auf so manche Idee der Gruppe auch einlassen wollte, es war ein kleiner innerlicher Kampf, feststehende ‘Traditionen’ was mein Denken über Theaterinszenierungen angeht, aufzugeben und mich auf was komplett Fremdes, Neues aber auch sehr Gutes und Spannendes einzulassen.“, sagte eine Teilnehmerin.

 

HELL

Sylvi Kretzschmar, Hamburg

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Die Absolventin des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaften Sylvi Kretzschmar arbeitet an der Schnittstelle von elektronischer Musik, Performance und Choreographie. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Erich-Kästner Gesamtschule Farmsen-Berne gestaltete sie eine teuflisch Szenencollage die eine bizarre Parallelwelt als Gegenentwurf zum langweiligen Schulalltag darstellte. Ein spießiger Lehrer im Klassenraum wird einfach ignoriert und einige Schülerinnen mutieren zu vampirähnlichen Geschöpfen, die je nach ihren Neigungen und Eingebungen Gutes oder Böses tun. Doch was ist DAS GUTE und was DAS BÖSE? Für die SchülerInnen der 8. Klasse war die Auseinandersetzung mit den Begriffen GUT und BÖSE Ausgangspunkt für dieses Bühnenprojekt. Mit Mitteln aus Performance, Theater, Video, Fotografie und Musik näherten sie sich im Arbeitsprozess gesellschaftlichen und persönlichen Fragen nach Moral, Wertmaßstäben und deren Definitionsmacht. Es geht um das Finden und Erfinden ganz eigener Geschichten, Bilder und Szenen, um die Hölle im Himmel und Heaven in HELL. Den Jugendlichen konnte man ansehen, wie gut es tun kann, auch mal etwas kaputt zu machen, den Klassenraum zu einem Ort werden zu lassen, an dem man sich ausleben und austoben kann, den Verstärker voll aufdrehen, Stühle und Tische umschmeißen und gehassten Schulkameraden eine Lektion erteilen.

 

Oder bist du nur

ein Dolch der Einbildung, ein nichtig Blendwerk,

das aus dem heißgequälten Hirn erwächst

 

Das YoungStar Fest zieht positive Bilanz

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Über Wochen wurde geschrieben, geprobt, gebaut und hart gearbeitet – es wurden Rollen und Figuren gefunden, Szenen, Choreographien und Songs erarbeitet und dabei bei den Künstlern und vor allem bei den Jugendlichen ungeahnte Energien freigesetzt. Die jungen Tänzer, Schauspieler und Performer sind dabei über sich hinausgewachsen und waren in Ihrer Begeisterung nicht zu bremsen. – Eine Begeisterung, die nicht nur das Publikum ansteckte sondern auf die Förderer des Festivals überschwappte – so geht zum Beispiel das Schreib-Projekt von Feridun Zaimoglu in eine sichere Zukunft.

Kuratorin Eva Maria Stüting: “In den Produktionsprozessen der letzten Wochen konnte man sehen, welche neuen Perspektiven in der künstlerischen Arbeit mit jungen Darstellern für die Künstler, für die Jugendlichen und für das Publikum entstanden sind. Damit ist das YoungStar Fest die neue Plattform für die Praxis künstlerischer Arbeit mit Jugendlichen – und für 2011 wird ab sofort die zweite Ausgabe vorbereitet.”

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